ECOKuca Magazine, INTERVIEW, Belgrade, Sept. 2016 (german translation)
1. Sie sind Architekt, Künstler, Designer, Bildhauer, Professor an der Alle School der Addis Abeba University der Bildenden Kunst. Was ist es, das alles vereint, was Sie tun?
Gute Frage, ehrlich gesagt kenne ich keine gute Antwort. Aber es muss eine Art genetisches Muster sein, das mich antreibt, die Dinge zu schaffen, wie ich es tue. Mein Großvater war Maler und Lehrer, und ich bin mit all seinen Gemälden und im Haus meiner Eltern aufgewachsen. Leider starb er am Ende des zweiten Weltkriegs, so dass ich ihn nicht persönlich kennen lernen konnte um von ihm zu lernen. Sensibel und melancholisch wusste ich schon früh dass ich Künstler werden will. Manchmal ist die Produktion meiner Kunst wie eine Art Therapie für meine Seele.
2. Eine Periode Ihres Lebens, die Sie in Äthiopien verbracht haben, die, wie Sie sagen, war eine große Quelle von Inspiration für Ihre zukünftige Arbeit. Was sich verändert hat und wie wurden Sie von diesem afrikanischen Land inspiriert?
Ich interessiere mich für verschiedene Kulturen und bin immer neugierig darauf neue Erfahrungen zu machen. In Afrika fand ich einen besonderen Spirit, nicht oberflächlich und trivial, wie man ihn oft in der Kunstszene in Europa oder den USA vorfindet. Ich wollte meine Kunst mehr mit dem Leben verbinden. mit den täglichen Erfahrungen und alltäglichen Materialien, keine Kunst um der Kunst Willen oder die Kunstgeschichte reflektieren, wie es heute viele Künstler in Europa oder den USA tun.
In Addis Abeba begann ich „open air“ zu arbeiten. Mein Studio wanderte in den Garten und ich arbeitete eng verbunden mit der Natur, von meinen Hunden beobachtet, berauscht vom warmen Sonnenlicht, inspiriert von den unbekannten Formen der Pflanzen oder Vögel. Ich habe gelernt, dass die Natur selbst eine Form von Kunst sein kann und ich versuchte zu vergessen, was ich über Kunst gelernt habe, wie Kunst sein oder aussehen muss.
3) Sie haben in Deutschland gelebt, studiert und gearbeitet, aber die Zeit, die Sie in Äthiopien verbracht haben, in Afrika hat eine wichtige Spur für Ihre Arbeit hinterlassen. Was unterscheidet die Kultur dieser beiden Länder und dieser zwei Kontinente und wie spiegelt sich das in deiner künstlerischen Arbeit wider?
In Afrika findet man auch heute noch archaische Prozesse der Produktion oder Materialverwendung beim Herstellen von Objekten und Konstruieren von Werkzeugen. Als Künstler bin ich fasziniert von dieser Art der Kreativität und Improvisation in Design und Kunsthandwerk wie auch bereits viele andere westliche Künstler vor mir. Afrika durchlebte nicht die Form der Industrialisierung wie Europa. Industrialisierung war prägend für die westliche Ästhetik und grundlegend auch für die politische und soziale Entwicklung in Europa. Form follows function, haben wir vom Bauhaus gelernt. In Afrika war ich neugierig darauf, welche Vorstellungskraft und welcher „Spirit“ die Formensprache prägt.
In Addis Abeba wurde ich süchtig danach den "Mercato", den größten Markt, zu besuchen. Mercato ist ein alter riesiger Teil der Stadt voll von Gerüchen und Lärm. Menschen arbeiten, betteln, verhandeln und tragen Türme von Lasten auf ihrem Kopf, kauen Kat, betrügen und wohnen dort. Meterhoch beladene Esel transportieren die Ware auf dem Markt umher. Es ist eine überwältigende Erfahrung für alle Sinne. Dort fand ich Materialien und Inspiration welche man nur bekommt wenn man sich in mitten diesem Chaos bewegt.
4) Viele Ihrer Werke wurden mit den Knochen und Schädeln von Tieren geschaffen. Wie hast du angefangen, es zu machen?
Zur Geschichte des Kolonialismus in Afrika gehört auch die Jagd auf große und wilde Tiere. Millionen Tiere wurden erlegt, auch heute noch. Im 19. Jahrhundert wurden tausende Tonnen Tierschädel nach Europa geschickt, um Residenzen und Clubs zu mit Trophäen schmücken.
Meine Objekte, wie die Bremer Stadtmusikanten (benannt nach dem deutschen Märchen) spielen mit der Konnotation. Ich gab den Schädeln einen Stimme und der Betrachter kann sich vorstellen, dass die Skulptur einen Chor darstellt. Eine Liedzeile im Märchen lautete: „.....was besseres als den Tod finden wir überall....“
In einer Tierpräparatorwerkstatt fand ich einen sehr alten riesigen Schädel eines Elefanten, eine perfekte Skulptur in meinen Augen, aber leider konnte ich den Schädel nicht erwerben aus einem mir unerklärlichen Grund. Tiere auszustopfen und vorzubereiten scheint ein unehrenhafter Job zu sein und sie tun es sehr heimlich.
Meinen ersten Impuls, Knochen in meine Objekte zu integrieren, hatte ich im Nationalmuseum in Addis Abeba. Dort wird die berühmte "Lucy" gezeigt. Es sind Teile eines Skeletts einer 3,18 Millionen Jahre alten prähistorischen Dame, die 1974 in der Region Affa in Äthiopien gefunden wurden. Erst vor wenigen Tagen wurde veröffentlicht, dass Wissenschaftler in Texas, die die Knochen analysierten, glauben, dass Lucy starb, nachdem sie von einem zwölf Meter hohen Baum fiel.
Lucy gab mir die Inspiration, einen Teil ihrer Höhle aus Knochen zu bauen und zu einer Reihe von weiteren Knochen-Objekten. Nach Festen und Feiertagen bleiben die Knochen und Schädel von geschlachteten Rindern oder Schafen auf den Straßen und Wegen von Addis Abeba liegen.
5) Außerdem verwenden Sie in ihrer künstlerischen Arbeit oft recycelte alte Plastiktüten, aus denen Sie Kleidung erstellen. Es ist offensichtlich, dass Sie Tüten mit erkennbaren Marken verwenden, die darauf gedruckt sind. Was ist die Idee?
Als ich herumreiste, fing ich an, Plastiktüten zu sammeln. Fasziniert vom Glanz und ihrer leuchtenden Farben. Heutzutage sind die Tüten ein Symbol des globalisierten Konsums weltweit. Die Tüten wurden Material für meine Kunst. Ich liebe sie, obwohl sie heutzutage ein großes Problem für unsere Umwelt, insbesondere für die Ozeane darstellen.
2008 machte ich die Performance: "Viva Colonia" lief durch Addis Abeba mit einer großen Flagge, die aus dünnen Plastiktüten gewebt wurde. Ein sehr interessantes Ergebnis war, dass zufällige Passanten die Aktion für eine „politischen Demonstration" hielten.
Ich fing an, verschiedene Kleidungsstücke aus Plastiktüten herzustellen und mit der Zeit wuchs sie zu einer "Fashionline" in meiner.
2008 machte ich eine Modenschau in Harrar, eine kleine und berühmte Stadt im Norden Äthiopiens mit einer alten und farbenfrohen Textiltradition. Aber bitte nicht falsch verstehen: Ich recycele diese Materialien nicht. Ich benutze sie, um auf ihre Qualitäten hinzuweisen. Ich interpretiere sie neu. Ich füge den trashigen Stücken einen neuen Wert hinzu.
6) Bevor du Künstler wurdest, hast du Architektur in Berlin studiert, der Stadt, in der in den zwanziger Jahren schuf die Bauhaus-Bewegung. Wie haben sich die Ideen der Bauhaus-Schule auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
In Addis Abeba habe ich einen Hocker "ato klaus" entworfen. Übrigens in der amharischen Sprache bedeutet "Ato" die Anspracheform „Herr“. Sie können den Hocker zum Sitzen oder als Behälter verwenden, wenn Sie ihn umdrehen.
Dieses Design zeigt die Kombination von afrikanischer und westlicher Tradition. Es ist ein sehr erfolgreich verkauftes Design in Äthiopien. Ich habe eine Produktion für den Hocker aufgebaut, um auch Arbeitsplätze schaffen. Vielleicht können Sie diese Art von Designprozess mit der Art und Weise der Frühzeit des Bauhauses vergleichen.
Das gleiche Konzept habe ich mit der "ato goethe collection" realisiert. Holzgegenstände, aus alten Dielen gebaut. Sie sind beides: Skulpturen oder Beistelltische wie auch für Kaffee-Zeremonien. Die Objekte folgen nicht der Idee von Ordnung und perfekter Veredelung wie es heute im westlichen Design zu finden ist.
Die Objekte zeigen ihren handgefertigten Charakter und die Spuren der Produktion und der wertlosen Materialien, aus denen sie hergestellt wurden. Mängel des Materials und Bearbeitung sind integriert und das Finish ist weniger wichtig. Eine deutsche Freundin nannte sie "Punk-Carpentry"
Ich würde gerne ein Label Marke namens "Bauhaus Bambata" zu gründen. Dieses Branding reflektiert meiner Meinung nach auf poetische Weise meine Arbeit: in westlicher Tradition geschult und fasziniert von afrikanischer Kunst.
7) Sie leben jetzt in Belgrad zusammen mit Ihrer Frau, die auch in Belgrad arbeitet. Wie würden Sie die serbische Kunstszene beschreiben?
Wenn man bedenkt, dass ich Belgrad erst seit kurzer Zeit kenne, bin ich sehr aufgeregt, hier zu arbeiten und zu leben in dieser lebendigen Stadt, die mit Geschichte und Kultur aufgeladen ist. Jetzt will ich mehr darüber lernen und sogar die serbische Sprache. Zuerst sah ich die enorme Sammlung von Spomenik (Denkmal in serbischer Sprache) in der Stadt und ich hoffe, dass ich eines Tages eines hinzufügen kann.
Zu meinem Glück nehme ich an der Ausstellung "da2" in Vladimir Mazura's Magazin Zenit 4 teil in Stari Bonovci. Ich wurde auf diesen attraktiven Ort an der Donau aufmerksam und genoß die besondere Atmosphäre am Flussufer, das gute Essen und Wein und Kunst und Musik und die Balkanatmosphäre.
Bei diesem Anlass freundete ich mich mit vielen Künstlern an, die in Belgrad arbeiten und traf Dorde Stanojevic, der ein begeisterter Künstler der Szene ist. Ich begann zu lernen, wie diese Stadt funktioniert und begann die wichtige Rolle der DADA Bewegung zu verstehen, vertreten durch die Künstlergruppe Zenit, auch für Künstler heutzutage.
8) Wenn in einem Satz beschreiben sollten was Sie tun, wie würden Sie die Spannbreite Ihrer Kunst beschreiben?
Um es kurz zu sagen: Weiter Arbeiten